Viele Studierende beginnen ihre Abschlussarbeit mit der Vorstellung, dass sie im Grunde nur eine größere Hausarbeit sei. Man sammelt einige Quellen, fasst Literatur zusammen und schreibt einen längeren Text. Diese Vorstellung ist jedoch falsch.
Eine wissenschaftliche Abschlussarbeit unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von einer Hausarbeit: Sie soll neues Wissen erzeugen oder bestehendes Wissen weiterentwickeln. Deshalb reicht es nicht aus, vorhandene Literatur nur zusammenzufassen. Ziel ist es, eine konkrete Forschungsfrage zu entwickeln und diese systematisch zu untersuchen.
Das mag jetzt nach viel klingen, aber sehe es als Möglichkeit: Du kannst wirklich mal den Dingen auf den Grund gehen, für die du dich wirklich interessierst. Deine Interesse und Motivation für ein Thema kann persönlich, aus der Arbeit oder einfach nur theoretisch sein. Forschung hat immer einen persönlichen Bezug: Research ist auch immer Me-Search. Wichtig ist, dass du etwas findest an dem rausfinden möchtest wie es funktioniert.
Diese Seite erklärt Schritt für Schritt, wie man von einer ersten Idee zu einer wissenschaftlich fundierten Forschungsfrage gelangt und wie man sich in ein Forschungsgebiet einarbeitet.
Die Seite ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Jeder Abschnitt behandelt einen wichtigen Teil des wissenschaftlichen Arbeitens. Wenn Du bereits mit einem Thema vertraut bist, kannst Du direkt zu den entsprechenden Abschnitten springen.
In der Wissenschaft geht es darum, neues gesichertes Wissen zu erzeugen. Gesichert bedeutet dabei, dass Aussagen auf nachvollziehbaren Argumenten und überprüfbaren Daten beruhen.
Eine wissenschaftliche Arbeit ist deshalb nicht nur ein Text, sondern ein nachvollziehbarer Bericht darüber, wie man zu bestimmten Erkenntnissen gelangt ist. Andere Forschende müssen grundsätzlich in der Lage sein, Deinen Gedankengang zu verstehen und Deine Ergebnisse nachzuvollziehen.
Man kann sich wissenschaftliche Arbeit gut als eine Entdeckungsreise vorstellen. Forschende erkunden neue Wissensgebiete ähnlich wie Entdecker:innen unbekannte Landschaften erkunden. Dabei entscheiden sie selbst über ihr Ziel – also das Forschungsthema – und über den Weg dorthin – also die Forschungsmethoden.
Gleichzeitig bringt diese Freiheit Unsicherheit mit sich. Wie bei einer Expedition weiß man nie genau, was einen erwartet. Deshalb ist Vorbereitung entscheidend. Diese Vorbereitung besteht vor allem darin, möglichst viel über das vorhandene Wissen zu einem Thema zu lesen.
Auf dieser Reise begleite ich Dich als Deine Betreuungsperson und andere Studierende innerhalb des Lab Meetings . Wichtig ist jedoch: Du bist die Person, die die Expedition leitet. Deine Betreuungsperson und die Mitstudierenden beraten Dich und weisen dich Fallen oder Vorteile hin. Damit kannst Du das Mehraugenprinzip nutzen, dass das Entdecken von Fehlern sich erhöht je mehr Personen auf ein Problem schauen. Kennen tut das „neue Land“ aber noch keiner. Gemeinsam kommen wir aber sicherer ans Ziel.
Das Ziel wissenschaftlicher Arbeiten ist nicht nur, Wissen zu erzeugen, sondern auch andere Menschen von diesem Wissen zu überzeugen. Damit das funktioniert, müssen wissenschaftliche Aussagen nachvollziehbar und überprüfbar sein.
Es gibt zwei grundlegende Wege, auf denen wissenschaftliche Argumente überzeugen: Logik und Empirie.
Logik beschreibt korrekte Schlussfolgerungen. Ein klassisches Beispiel lautet:
Alle grünen Elefanten können fliegen.
Emma ist ein grüner Elefant.
Also kann Emma fliegen.
Der Schluss ist logisch korrekt. Trotzdem ist er offensichtlich unsinnig, weil die Ausgangsaussagen falsch sind. Logik sorgt also dafür, dass Schlussfolgerungen formal korrekt sind, sagt aber nichts darüber aus, ob die zugrunde liegenden Aussagen wahr sind.
Empirie hingegen bezieht sich auf beobachtbare Fakten. Wenn jemand sagt: „Es war sehr warm draußen“, ist diese Aussage subjektiv. Eine Person könnte 25°C als warm empfinden, eine andere erst 35°C. Solche subjektiven Aussagen können immer angefochten werden.
Eine empirische Aussage wäre dagegen: „Die Temperatur betrug 55°C.“ Diese Aussage ist objektiv überprüfbar. Damit ist sie viel schwerer anzufechten. Oder anders herum: man hat eine viel sichere Aussage getroffen, indem man sie emprisch (also mit Daten) unterstützt.
Wissenschaft kombiniert beide Elemente. Empirie liefert die Daten, Logik verbindet diese Daten zu Schlussfolgerungen. Dadurch entstehen Argumente, die andere Menschen nachvollziehen und überprüfen können.
Der Weg von einer ersten Idee zu einer klar formulierten Forschungsfrage ist selten linear. Meist handelt es sich um einen iterativen Prozess, bei dem Literaturrecherche und Anpassung der Forschungsfrage immer wieder aufeinander folgen.
Typischerweise beginnt man mit einer groben Idee. Anschließend liest man erste wissenschaftliche Artikel, um zu verstehen, was in diesem Themenbereich bereits bekannt ist. Während dieses Lesens wird die ursprüngliche Frage häufig angepasst, präzisiert oder sogar vollständig verändert.
Dieser Prozess wiederholt sich mehrfach. Mit jeder Iteration wird die Forschungsfrage präziser und gleichzeitig das Verständnis des Forschungsfeldes tiefer.
Am Ende dieses Prozesses steht eine klar formulierte Forschungsfrage, die sich sinnvoll in den bestehenden Forschungsstand einordnet und eine konkrete Forschungslücke adressiert.
Wie du vorgehst hängt ein wenig davon ab, wie gut du schon weißt, was du machen willst:
Falls Du einen Interessenbereich hast, aber noch keine Forschungsfrage: Fange damit an die einen Überblick über die Literatur im eigenen Interessenbereich zu verschaffen. Ziel dieser Phase ist es, zu verstehen, woran bisher gearbeitet hat, d.h. welche Fragen bereits untersucht wurden. Zu Beginn reicht es, Titel und Abstract zu lesen. Auf diese Weise kann man relativ schnell einen Überblick über ein Forschungsfeld gewinnen und relevante Artikel identifizieren. Was interessiert dich genauer und welche Fragen findest Du besonders interessant? Lies dich dort tiefer ein und denke kritisch nach, was man weiß und was man vor allem nicht weiß. Letzeres sind potentielle Forschungsfragen. Wenn du eine Idee für eine Forschungsfrage hast, lies im nächsten Absatz weiter.
Falls du einen Interessensbereich und eine Idee für die Forschungsfrage hast: Versuche anhand wissenschaftlicher Literatur Deine aktuelle Forschungsfrage so gut wie möglich zu beantworten. Dabei solltest Du vor allem auf peer-reviewte wissenschaftliche Artikel zurückgreifen. Diese Artikel wurden vor ihrer Veröffentlichung von anderen Forschenden geprüft und erfüllen daher in der Regel wissenschaftliche Qualitätsstandards.
Während Du liest, solltest Du notieren, welche Aspekte Deiner Frage bereits beantwortet werden können und welche noch offen bleiben. Diese offenen Punkte sind häufig ein Hinweis auf mögliche Forschungslücken.
Sehr wichtig ist außerdem die Wahl geeigneter Suchbegriffe. Die richtigen Stichwörter entscheiden darüber, ob Du die zentralen Artikel eines Forschungsfeldes findest oder nicht. Wenn du diese für dein Interessenbereich nicht kennst, schaue in deinen Lehrbüchern nach oder befrage große Sprachmodelle, mögliche Suchbegriffe zu finden.
Für die Literaturrecherche solltest Du insbesondere folgende wissenschaftliche Suchmaschinen verwenden (lies mehr über die Literaturrecherche im nächsten Abschnitt):
Während Du mehr Literatur liest, wirst Du wahrscheinlich feststellen, dass Deine ursprüngliche Forschungsfrage angepasst werden muss. Dieser iterative Prozess ist ein normaler Teil wissenschaftlichen Arbeitens und führt dazu, dass Deine Frage zunehmend präziser wird. Jetzt kennst du den groben Ablauf der zu Beginn deiner Arbeit notwendig ist. Die Literaturrecherche ist zentraler Bestandteil. Um mehr über die Literaturrecherche zu erfahren, lies den nächsten Abschnitt zur Literaturrecherche.
Noch drei Tipps für deine Forschungsfrage:
Eine der wichtigsten Fähigkeiten in der wissenschaftlichen Arbeit ist die systematische Literaturrecherche. Forschung bedeutet nämlich nicht nur, neue Daten zu erheben, sondern sich zunächst intensiv in den bestehenden Wissensstand eines Forschungsfeldes einzuarbeiten. Ziel dieses Prozesses ist es, sich Schritt für Schritt zu einer Expertin oder einem Experten in einem bestimmten Themenbereich zu entwickeln.
Das wichtigste Werkzeug dafür ist die wissenschaftliche Literaturrecherche. Durch das Lesen wissenschaftlicher Artikel eignest Du Dir das Wissen an, das andere Forschende bereits erarbeitet haben. Auf dieser Grundlage kannst Du verstehen, welche Fragen bereits beantwortet wurden, welche Theorien existieren und an welchen Stellen noch offene Fragen bestehen.
Literaturrecherche ist daher nicht nur ein technischer Schritt am Anfang einer Arbeit, sondern eines der zentralen Werkzeuge wissenschaftlichen Arbeitens. Sie dient der Wissensaneignung und bildet die Grundlage für die Entwicklung einer eigenen Forschungsfrage.
Sehr wichtig ist außerdem die Wahl geeigneter Suchbegriffe. Die richtigen Stichwörter entscheiden darüber, ob Du die zentralen Artikel eines Forschungsfeldes findest oder nicht. Wissenschaftliche Literatur ist stark über Fachbegriffe organisiert. Wenn Du die falschen Begriffe verwendest, kann es passieren, dass Du relevante Forschung schlicht nicht findest.
Um geeignete Stichwörter zu identifizieren, gibt es mehrere Möglichkeiten. Häufig lohnt es sich, zunächst ein Lehrbuch oder einen Überblicksartikel zu einem Thema zu konsultieren. Dort werden oft die zentralen Fachbegriffe eines Forschungsfeldes verwendet. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, bereits gefundene wissenschaftliche Artikel daraufhin zu untersuchen, welche Begriffe die Autor:innen verwenden, um ein bestimmtes Phänomen zu beschreiben. Diese Begriffe können dann als neue Suchbegriffe verwendet werden.
Auch große Sprachmodelle können helfen, mögliche Suchbegriffe zu identifizieren. Du kannst beispielsweise ein Sprachmodell danach fragen, welche Fachbegriffe typischerweise in der Forschung zu einem bestimmten Thema verwendet werden. Wichtig ist jedoch: Verwende solche Systeme nur als Hilfsmittel zur Ideensammlung. Sie sollten niemals Deine eigentliche Literaturrecherche ersetzen.
Da Englisch die dominante Sprache der internationalen Wissenschaft ist, solltest Du bei der Literaturrecherche in der Regel englische Suchbegriffe verwenden. Viele zentrale Forschungsergebnisse werden ausschließlich auf Englisch veröffentlicht.
Bei der Auswahl von Literatur solltest Du vor allem auf sogenannte peer-reviewte wissenschaftliche Artikel achten. Peer Review bedeutet, dass ein Artikel vor seiner Veröffentlichung von unabhängigen Expert:innen aus dem gleichen Forschungsgebiet geprüft wurde. Diese Gutachter:innen beurteilen, ob die Studie methodisch solide ist und ob ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar sind. Artikel, die diesen Begutachtungsprozess durchlaufen haben, gelten daher als besonders verlässlich.
Primärartikel sind wissenschaftliche Arbeiten, in denen Forschende eigene neue Studien berichten. In diesen Artikeln werden die verwendeten Methoden, die erhobenen Daten und die Ergebnisse der Studie detailliert dargestellt. Sie bilden die wichtigste Grundlage für wissenschaftliche Literaturarbeit.
Wichtig: Lese kritisch: Auch wenn peer-review Artikel geprüft wurden, heißt dass nicht, dass alles stimmt was darin gesagt wurde. Denke immer beim Lesen mit und mache dir ein Gesamtbild. Passt was nicht? Gut - dann hast du eventuell eine potentielle Forschungsfrage gefunden. Kritisches Lesen hilft dir deine Forschungsfrage zu finden
Für die Literaturrecherche solltest Du insbesondere folgende wissenschaftliche Suchmaschinen verwenden:
Verwende nie große Sprachmodelle alleine, um eine Literaturrecherche zu machen. Sie geben dir meist nur eine kleine Auswahl aus sehr vielen möglichen Artikeln. Du bekommst so einen Tunnelblick und wirst nicht die benötigte inhaltliche Breite und Tiefe in deinem Gebiet erhalten. Viel wichtiger: Du musst das Wissen erlangen und nicht die Suchmaschine. Du wirst spätestens im Kolloquium auf dieses Wissen geprüft und benötigst es für alle weiteren Schritte deiner wissenschaftlichen Arbeit. Du legst damit das Fundament Deiner Arbeit auf der alles andere Aufbaut.
Wenn Du prüfen möchtest, ob eine wissenschaftliche Zeitschrift seriös ist, kannst Du beispielsweise das Rankingportal SCImago Journal Rank verwenden. Dort lassen sich wissenschaftliche Journale nach Fachgebieten suchen und hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Bedeutung einordnen.
Wissenschaftliche Artikel werden selten beim ersten Lesen vollständig verstanden. Deshalb liest man Literatur auf unterschiedlichen Ebenen.
Zu Beginn liest man relativ oberflächlich. Titel, Abstract und einzelne Abschnitte helfen dabei, einen Überblick über das Forschungsfeld zu bekommen. Später konzentriert man sich auf einige wenige Artikel, die besonders relevant sind, und liest diese sehr genau.
Dieser Prozess ähnelt einem Trichter: Am Anfang betrachtet man viele Artikel oberflächlich, später nur noch wenige sehr intensiv.
Während Du Literatur sammelst, solltest Du unbedingt ein Literaturverwaltungsprogramm verwenden. Diese Programme helfen dabei, wissenschaftliche Artikel zu speichern, zu organisieren, zu kommentieren und später beim Schreiben der Arbeit korrekt zu zitieren. Sie sind echte Helfer.
Zwei weit verbreitete und kostenlose Literaturmanager sind:
Diese Programme bieten außerdem Plugins für Textverarbeitungsprogramme wie Microsoft Word oder LibreOffice. Mit diesen Plugins können Quellen direkt während des Schreibens in den Text eingefügt werden. Das Literaturverzeichnis wird anschließend automatisch erstellt. Dadurch lässt sich sehr viel mühsame Handarbeit vermeiden.