Wissenschaftler:Innen (zu denen Du auch mit Deiner Abschlussarbeit zählst) sind wie Entdecker:Innen. Ähnlich wie Entdecker:Innen neue Länder erkunden, versuchen Wissenschaftler:Innen neues Wissen zu erkunden. Wie ein Entdecker, darfst Du die Freiheit als Wissenschaftler:In geniessen: Du darfst Deine Reiseziel selbst bestimmen (Forschungsthema und Forschungsfrage), wie Du dahin kommst (Forschungsmethoden) und auch mithelfen, die Karten neu zu zeichnen (Analyse und Diskussion). Eine Abschlussarbeit kommt daher auch mit viel Freiheiten. Wähle diese so, dass Du Deine Lieblingsentdeckertour zusammenstellst.
Ähnlich wie bei einer Entdeckungsreise können wir einiges Vorgeben (z.B. die Richtung in die wir Reisen möchten). Andere Dinge sind aber auch außerhalb des Einflussbereiches des:r Entdecker:In, wie z.B. wie es an dem neuen Ort aussehen wird.
Wir müssen uns daher gut vorbereiten, um diese Unsicherheit, was uns erwarten wird, so weit wie möglich zu reduzieren. Wählen wir beispielhaft eine Entdeckungsreise einer bestimmten Höhle auf dem Mars. In diesem Fall würden wir uns so viel wie möglich über diese oder eine benachbarte Höhle auf dem Mars anlesen, damit wir gut auf alle Eventualitäten vorbereitet sind und das Ziel auf dem Mars erfolgreich erreichen können. Falls dazu nichts bekannt ist, lesen wir uns so viel wie möglich zu höhlenrelevanten Dingen des Mars an (hierunter würden z.B. Gesteine und Luftzusammensetzung, aber nicht die Umlaufbahn des Mars fallen). Wenn das auch nicht bekannt ist, würden wir uns zu Höhlenerkundung auf anderen Himmelskörper (z.B. dem Mond) kundig machen. Und wenn dieses Wissen nicht vorhanden ist würden wir uns mit der Höhlenerkunden auf der Erde vertraut machen. Was ich sagen will: als Wissenschaftler:In muss man vor Reisebeginn viel Lesen und dies flexibel, opportunistisch und zielgerichtet tun, wie ein:e Entdecker:In es tun würde.
Bei der Wissenschaftsreise bzw. Erkundungsreise treffen wir auf ähnliche Probleme wie die Entdecker:Innen: wir können uns auf dem Weg zu den neuen Ländern verirren (z.B. wir können keine Fragestellung finden), unser Proviant kann ausgehen (das ist meistens die Zeit zur Ferstigstellung einer Arbeit), wir haben die falsche Ausrüstung zur Erkundung mitgenommen (z.B. Taucherbrille anstatt Kletterschuhe für eine Bergüberbesteigung), oder stellen die gesammelten Information falsch in unserer neu gezeichneten Karte zusammen. Da es sehr viele neue Stellen gibt, holst Du Dir eine Person mit hinzu, die schon einiges an Entdeckungserfahrung gesammelt hat und Dir mit dieser Erfahrungschatz beratend zur Seite stehen kann: Dein:e Betreuer:In.
Es ist wichtig dabei folgendes über die Betreuer:In im Gedächtnis zu halten:
a. Du bist immer der:die Entdeckungsleiter:In. Du hast das Sagen und machst die Entscheidungen. Der:die Betreur:in ist nur beratend mit dabei.
b. der:die Betreuer:In hat selbst das Neuland noch nicht gesehen und kennt daher nicht die richtige Antwort.
Mit diesem Bild über die Abschlussarbeit, lasst uns in See stechen und die Entdeckungsreise angehen. Als erstes musst Du Dir über das Reiseziel klar werden. Um dies genau zu definieren, müssen wir uns über die Natur des Ziels bewusst werden. Daher ein wenig Information zur Wissenschaft.
In der Wissenschaft wollen wir neuess gesichertes Wissen schaffen. Neues gesichertes Wissen ist Wissen welches wir objektiv belegen können. Der objektive Beleg findet über Daten statt.
In einer wissenschaftlichen Arbeit gilt es diese Wissen zu berichten und andere krititsche Lesende davon zu informieren. Hier gilt ähnlich wie bei der Wegbeschreibung, dass die Darstellung der Information nachvollziehbar, verständlich, zum Punkt und objektiv belegbar ist. Nur so kann eine weitere Person genau zu dem Ziel gelangen zu dem ihr vorgedrungen seid. Subjektive Informationen (z.B. an der kühlen Stelle musst Du links abbiegen) helfen hier nicht weiter. Objektive Informationen müssen her (z.B. der Wegzweigung vor dem 2013m hohen Berg mit den 3 Häusern an der Süd-Ost Seite, musst du links abbiegen). Daher gilt für was immer Du machst, dass Du Deine Schritte klar darlegen und begründen musst, so dass andere Dir folgen können.
Wie im Alltag können wir nur etwas Neues verstehen, wenn das neue über bestehendes Wissen hinausgeht und gleichzeitig wir das neue Wissen an bestehendes Wissen anschliessen können. Das ist ein wenig so, wie wenn wir einen neuen Untergrund beschreiten wollen, dessen Festigkeit wir nicht kennen (z.B. ein vereister See). Wir halten uns an etwas fest (dem Ast am Ufer) von dem wir wissen, dass es stabil ist und machen dann einen kleinen Schritt mit einem Fuß vorwärts während wir die Festigkeit des Bodens mit dem Fuß prüfen. In der Wissenschaft wird oft diesem Prinzip gefolgt, um sicheres Wissen zu schaffen.
Dieser Ansatz kann sowohl für qualitative als auch quantitative Studien genutzt werden, wenngleich qualitative Studien sehr viel weniger (bis zu gar keinem Gebrauch davon machen - je nach Fragestellung). Wie Du siehst ist wissenschaftliches Arbeiten oft kleinschrittig und enthält oft eine Replikation (Wiederholung) von bestehendem Wissen, um gesichterte Aussagen zu treffen.
Eine weiterer Typ des wissenschaftlichen Arbeitens ist die Literaturrecherche. Hier werden mehrere bestehende wissenschaftliche Arbeiten zu einem Thema systematisch gesucht, dargestellt, zusammengefasst und integriert. Das klingt erst einmal einfach, weil man relativ wenig methodische Vorkenntnisse braucht, aber es ist an sich die schwierigste Form der Arbeit, weil viel Erfahrung und Vorwissen bei der Erstellung der Grenzen für die Suche als auch für die Integration der Einzelstudienergebnisse notwendig ist. Ziel ist es ja wie bei jeder Form der Wissenschaft, neue Erkenntnisse (und damit Wissen) durch die Zusammenführung der Information zu generieren. Es gilt dabei zu beachten, dass dieses Wissen nicht nur für einen selbst neu sein soll, sondern auch für andere Personen, die in dem BereichZumindest in der Psychologie werden daher Literaturrecherchen von einem Forschenden nach jahrelanger Arbeit in einem bestimmten Bereich geschrieben.
In einer wissenschaftlichen Arbeit stellt man sich eine Frage, die innerhalb der Arbeit beantwortet wird. Im Gegensatz zu Hausarbeiten, in denen man Erkenntnisse aus verschiedenen Studien zusammenträgt, muss man bei einer Abschlussarbeit selbst Daten und/oder Wissen genereieren. Die Erstellung von Daten und Wissen findet in qualitativen und quantitativen Studien statt, die Erstellung von Wissen innerhalb von Literaturrecherchen (hier gilt es nicht nur zusammenzufassen, sondern auch neue Erkenntnisse (und damit Wissen) aus dieser Zusammenfassung zu ziehen).
Das Forschungsthema bezeichnet ist eine allgemeine leicht verständliche Beschreibung von der Sache an der man arbeiten möchte. Die Forschungsfrage bezeichnet dann die spezielle Frage, die man versucht in der Arbeit zu beantworten.
Da es in einer Forschungsarbeit immer mal aufwärts und abwärts geht, weil Dinge manchmal gut und manchmal langsam vorangehen, ist es wichtig eine Thema zu wählen, für das man sich interessiert. So steigt die Wahrscheinlichkeit sich intrinsich zum weiterarbeiten zu motivieren auch wenn mal nicht alles so glatt läuft.
Prinzipiell solltest Du eine gute Portion Motivation zum selbstständigen Arbeiten für Deine Abschlussarbeit mitbringen.
Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten zur Forschungsfrage zu gelangen:
Wähle den Weg, der besser zu Dir passt. Wie Du siehst hat beides Vor- und Nachteile. Deine Abschlussarbeit erfordert vor allem eins: viel peer-reviewte Forschungsliteratur lesen. Egal welches Thema und welcher Ansatz gewählt wird, Du musst Dich zu einem:r Expert:In in deinem gewählten Gebiet machen und den aktuellen Stand der Dinge (d.h. Forschung) kennen. Nur so kannst du in deinem Themengebiet mitreden und optimale Entscheidungen bei der Erstellung deiner Studie treffen. Daher ist der erste Schritt eine gründliche Literaturrecherche. Diese sollte jedoch nicht planlos erfolgen, sondern sollte sich an einer (groben) Forschungsfrage oder an einem groben Forschungsinteresse orientieren.
Falls Du keine Forschungsidee hast, dann wähle entweder die oben beschriebene 2. Möglichkeit zur Findung einer Forschungsfrage oder stöbere auf Webseiten rum, die interessante aktuelle Studienergebnisse berichten, z.B. Sciencedaily. Du kannst wir im Tipp zur 1 Möglichkeit beschrieben eine solche Studie als Basisstudie für Deine eigene Arbeit verwenden.
Versuche ein Thema zu identifizieren was Dich interessiert (z.B. welche Fächer oder Themen fandest Du während im Studium besonders interessant?).
Hast Du schon ein grobes Thema aber noch keine Idee für eine Forschungsfrage, versuche Dir einen Überblick über die Literatur zu verschaffen (siehe Kapitel 'Hinweise zum Lesen').
Was aller Wahrscheinlichkeit nach passieren wird, dass Du das Gefühl bekommst, dass Du endlos weiterlesen kannst. Höre in diesem Fall auf und wähle Dir stattdessen eine interessante Frage oder Thematik, die dir beim Lesen über den Weg gekommen ist, aus. Versuche so gut wie möglich diese Thematik und die zugrundeliegende Prozesse verstehen. In anderen Worten: lies nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Sobald Du an einem Punkt gelangt bist, wo Du feststellt, dass eine Erklärung Deiner kritischen Nachfrage nicht mehr stand hält, so hast Du schon ein potentielles Abschlussarbeitsthema gefunden.
Kommst trotzdem nicht weiter? Dann schau mal die Froschungsfragen an, die die Professor:Innen ausgeschrieben haben. Vielleicht findest Du dort etwas.
Versuche als erstes, deine grobe Forschungsfrage oder Dein Forschungsinteresse mittels der bestehenden Literatur so gut wie möglich zu beantworten. Suche v.a. in der englischsprachigen Literatur, da Englisch die Wissenschaftssprache ist und wichtige Ergebnisse nur in Englisch (zumindest in der Psychologie) publiziert werden. Oft findest Du nicht die exakte Antwort auf Deine Frage in der Literatur, aber zumindest Teile der Antwort. Achte darauf welche Ideen, Theorien und Erklärungsansätze bei der Antwort auf Deine Frage beantwortet werden.
Nachdem Du die so gut wie möglich versucht hast, Deine Forschungsfrage zu beantworten, betrachte Deine Forschungsfrage nochmal kritisch im gelesenen Kontext. Macht es noch Sinn, die Frage genau so zu stellen (die meisten Fragen sind zu Allgemein und die Forschung zeigt, dass man viel detaillierter fragen muss). Überarbeite nochmal Deine Frage so dass sie zum gelesenen Forschungskontext passt. Da Dich die nächsten Abschnitte einiges an Arbeit und Zeit kosten, möchte ich Studierende, die bei mir schreiben, bitten, hier zu stoppen. Ich möchte erst sichergehen, dass das Thema wirklich für eine Abschlussarbeit geeignet ist bevor ihr all die Mühen auf Euch nehmt. Bitte haltet daher erst einmal Rücksprache mit mir. Wenn wir Deine Frage zusammen eingehend geprüft haben, kannst Du dich an die folgenden Dinge begeben. Alle anderen, die ein Expose schreiben müssen oder wollen, können gerne weiterlesen und weiter arbeiten.
Als nächstes musst Du an Deiner 'Cover Story' oder deine 'Verkaufsgeschichte' für Deine Forschungsfrage arbeiten. Hier ist vor allem wichtig gute Argumente zu sammeln, die aufzeigen sollten,
Als letztes musst Du noch alles zusammentragen, wenn Du denn ein Expose schreibst. Alle diese Bauteile, die Du oben herausgearbeitet hast, müssen zu einen gut, neutral, und objektiv geschriebenen Fliesstext ausgearbeitet werden bei dem Du Deine Argumente mit empirischen Befunden untermauerst (d.h. mit Quellenangaben) . Achte darauf, dass Du in diesem Text mindestens die folgenden Fragen irgendwo beantwortest: